Alltägliche Sensationen


Alltägliche Sensationen

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Alltägliche Sensationen

Geschichten und Reportagen

Tilo B.

220 Seiten. ISBN 9783943519303

Zu keiner Zeit ist eine derartige Informationsflut über uns hereingebrochen, in der die Luft nur so vom allumfassenden medialen Wahnsinn wabert. Angesichts dieser Tatsache liegt die Überlegung nahe, welcher Teufel den Tilo B. aus Spergau wohl geritten haben mag, knappe zehn Hände voll Geschichten zu schreiben, von denen obendrein der geneigte Leser weder vom Hocker gerissen wird, noch Gänsehauteffekte, Schamlosigkeiten oder gar cleveres Selbstvermarktungsgehabe zu erwarten hat. Vielmehr kommen B.s Geschichten bescheiden daher. Sie beinhalten Alltägliches und scheinbar Nebensächlichkeiten. Sie sind facettenreich voller „kleiner Sensationen“, die so klein nicht sind, in Wirklichkeit. Auf diese Weise setzt der Autor dem ganz Großen – dem Leben, ein liebens- und lesenswertes Denkmal. (Lore Sprenger, Großkorbetha)

 

Leseprobe

Nachdenkliches
1. Warum der Herr Weißgerber erschossen wurde

Auf der Anklagebank des Amtsgerichtes in H. sitzt der Herr Reich. Er ist angeklagt, seinen Nachbarn, den Herrn Weißgerber, mit seiner Jagdflinte erschossen zu haben. Nach drei Verhandlungstagen spricht Richter Rosenbaum sein Urteil. Er verurteilt den Herrn Reich wegen Mordes zu lebenslanger Haft. Was war geschehen?

Herr Reich und Herr Weißgerber waren Nachbarn. Ihre Grundstücke waren, wie das so üblich ist, durch einen Zaun getrennt. Herr Reich besaß ein kleines Häschen, das er gelegentlich auf dem Rasen seines Gartens grasen ließ. Herr Weißgerber hatte einen Schäferhund, der auf den Namen Hasso hörte, und Weißgerbers Anwesen bewachen sollte. Eines Tages sprang der Hasso über den Zaun und fraß das Häschen. Es kam zum Streit, der eskalierte, und am Ende griff Reich zu seiner Jagdflinte und erschoss seinen Nachbarn Weißgerber.

So in etwa hatte sich die Geschichte zugetragen. Zwischen dem ersten Streitgespräch und dem tödlichen Schuss lagen etwa drei Wochen. Nur ein kleiner Vorfall, nämlich Reichs totes Häschen, führte zur Verstimmung der bis dahin freundschaftlichen Nachbarschaft. Und das ging so!

Sofort, nachdem Schäferhund Hasso das kleine Kaninchen gefressen hatte, stellte Reich Weißgerber zur Rede. Der aber wies jede Schuld von sich. Schließlich habe das Häschen seinen Hasso „provoziert“. Was denn das wohl für ein Blödsinn sei, meinte Herr Reich und machte den Scheibenwischer. Wie denn ein Häschen einen Schäferhund provozieren könne, wollte er wissen. Weißgerber erklärte daraufhin, das Häschen habe den ganzen Tag am Zaun gesessen und so eigenartig die Nase gerümpft, den Hund sozusagen „angemümmelt“. Am nächsten Tag kamen Herr Reich und Herr Weißgerber wieder zusammen. Über den Gartenzaun, wo sie früher gelegentlich ein Bierchen zusammen tranken, tauschten sie sich mit ernster Miene über den Vorfall aus. Im Verlauf des Gesprächs bildeten sich klare Fronten. Es entstand ein Streit und jeder wies dem anderen die Schuld zu. Forderungen wurden aufgestellt. Diese wurden selbstverständlich von der anderen Partei abgelehnt. Folglich blieb die Diskussion ohne Ergebnis. Reich brach diese ab, und Weißgerber zog sich in sein Haus zurück.

Drei Tage passierte nun nichts. Aber hinter den Kulissen begann es zu rumoren. Der Fall wurde mit Freunden, Verwandten und Nachbarn von Reich und Weißgerber besprochen. Ein jeder beschwerte sich über den anderen. Insgeheim begannen beide, eine bestimmte Vorgehensweise zu planen. Reich überlegte sich rechtliche Schritte. Weißgerber war noch gelassen und harrte der Dinge, die da kommen sollten. Aber nachts, wenn sie nicht einschlafen konnten, dachten sie über faire und unfaire persönliche Attacken nach und planten den nächsten Schritt.

Nach einer Woche eisigen Schweigens hatte sich ihre Strategie gefestigt. Reich und Weißgerber gingen wieder aufeinander los und drohten mit den jeweils erwogenen Schritten. Reich kündigte an, Rechtsanwälte heranzuziehen oder das Gericht anzurufen. Gleichzeitig begannen erste Sabotageakte, die aber noch moderat ausfielen. Wenn zum Beispiel Reich ein Pizzataxi bestellt hatte, das zufällig bei Weißgerber klingelte, erklärte der dem verdutzten Fahrer, dass Reich nach Neuseeland ausgewandert sei, und schickte ihn wieder zurück. Wenn Reich gebeten wurde, vom Paketzusteller ein Päckchen für Weißgerber anzunehmen, lehnte Reich das glatt ab und freute sich diebisch, dass Weißgerber nun das Päckchen selbst bei der Post abholen musste. Parkte Reich auch nur zehn Zentimeter zu weit in der Einfahrt von Weißgerber, wurde gnadenlos die Polizei gerufen.

Noch halten sich beide an einen gewissen Ehrenkodex.

Dennoch, Reich und Weißgerber waren nicht zur Versöhnung bereit. Obwohl das zu diesem Zeitpunkt noch möglich war. Alle genannten Bemühungen fruchteten nicht. Bereits zwei Tage später wurden die Regeln gebrochen.

Reich und Weißgerber, die einst so friedlichen Nachbarn, schlugen wütend aufeinander los. Der eigentliche Gegenstand ihres Streits, das tote Häschen, trat in den Hintergrund. Die Schädigung der Persönlichkeit wurde wichtiger als der Streitanlass. Der Streit steuerte unaufhaltsam seinem Höhepunkt entgegen. Keiner scheute mehr unfaire Praktiken. Hatte Weißgerber nicht einen ungenehmigten Anbau bekommen? Da waren bestimmt Schwarzarbeiter beschäftigt, fragte sich Reich und lief zum Finanzamt.

Seit einer Woche herrschte totaler Krieg. Die Rache wurde blind, und keiner nahm Rücksicht auf eigene Verluste. An das tote Häschen dachten beide schon lange nicht mehr. Reich und Weißgerber schlugen aufeinander ein. Die Wut wurde rasend, es galten keine Regeln mehr. Der Schlag unter die Gürtellinie wurde zur Normalität. Es kam zu rohen Gewaltakten. Reich und Weißgerber zerstachen einander die Reifen und schreckten auch vor körperlichen Angriffen nicht zurück. In diesem Stadium fiel der tödliche Schuss.

In seiner Urteilsbegründung sagt Richter Rosenbaum, dass eine Verurteilung wegen Tötung im Affekt nicht gegeben sei. Schließlich habe sich der Streit über drei Wochen hingezogen und hätte jederzeit friedlich beigelegt werden können. Mit dem Schuss aus seiner Jagdflinte habe Reich den Tod von Weißgerber billigend in Kauf genommen.

Fazit: Weißgerber ist tot! Reich sitzt fünfzehn Jahre im Knast!

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