Aus der Heimat in die Ferne


Aus der Heimat in die Ferne

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Aus der Heimat in die Ferne

Zweiter Weltkrieg, Flucht und Vertreibung 1945

(Ingeborg Schmelz)

224 Seiten. ISBN 9783943519358

Was bedeuten Krieg, Kriegseinsatz, Kriegsgefangenschaft, Flucht aus der Heimat, Vertreibung durch den Feind, den eigenen Tod und den seiner Liebsten direkt vor Augen zu haben, nicht zu wissen, wohin…?

Die Autorin und ihre Familie waren direkt in das traumatische Szenario des zweiten Weltkrieges verwickelt und haben all das an Leib und Seele selbst erfahren. Die vorliegende Erzählung ihrer Erfahrungen erfolgt authentisch aus erster Hand.

Die tiefe und offene Schilderung privater Erlebnisse vermittelt dem Leser ein eigenes, persönliches Gefühl für die Ereignisse, etwas, das – zum Glück – aus der persönlichen Erfahrung unserer Zeit in Europa nicht zu gewinnen ist. Darin liegt die Bedeutung dieses Buches. Es ist ein Stück echter Erinnerung, das einen emotionalen Zugang zu den schlimmen Verwerfungen des Daseins durch die Zeit überträgt und – für die Vernunft – ein Erinnern möglich macht. Es zeigt, mit welcher Kraft Menschen größte Bedrückung und Gefahr überwinden und dass das Dasein selbst in den schwärzesten Momenten nur selten ohne Licht und glückliche Fügung ist.

Darauf kann man bauen.

 

Leseprobe

Teil I: Denken mit meines Vaters Augen

Einige Züge der Einheit hatten schon ihre Geschütze in Stellung gebracht, als Hubert, Willi und die anderen Kameraden Stimmen vernahmen, eindeutig russische Wortfetzen, die in der Weite der verschneiten, einsamen Landschaft deutlich zu hören waren. Sie sahen sich an und ahnten, was sich da anbahnte.

„Die Iwans müssen ganz in der Nähe sein“, flüsterte Willi, dicht neben Hubert stehend.

„Ich werde das Gefühl nicht los, dass sie jeden Schritt von uns schon im Voraus wissen.“ „Ja, wahrscheinlich haben sie einen sehr erfahrenen Kommandeur, der seine Sache versteht, leider zu unserem Nachteil.“ „Pst, seid ruhig, sonst kriegen wir die erste Ladung ab und unser Kompaniechef wird von Eurer Meinung auch nicht gerade begeistert sein.“ Die verhalten klingende, ärgerliche Stimme kam von einem Kameraden aus dem Fahrzeug hinter ihnen, das sich quer gestellt hatte, im tiefen Schnee steckte und nicht mehr in die Spur manövriert werden konnte.

„Lerne erst mal richtig rangieren, ehe du dich mit uns anlegst“, erwiderte Hubert, und damit war die Sache für ihn erledigt.

Der Fahrzeugkonvoi, eingeteilt in mehrere Gruppen, um einen erforderlichen Abstand der einzelnen Fahrzeuge einzuhalten, zog sich in die Länge. Die Abstände ermöglichten es, die Geschütze besser abkoppeln und bewegen zu können.

Der Trupp und Huberts Fahrzeug befanden sich im letzten Abschnitt der Kolonne, als sie der Angriff überraschte. Die ersten Granateneinschläge erfolgten in ihrer 74 unmittelbaren Nähe, und nur Sekunden später vernahmen sie das Gegenfeuer ihrer deutschen Geschütze, die schon in Stellung waren, und dann ging die Hölle los.

Einschläge, Geschützfeuer und Schreie der getroffenen Soldaten in den Schützengräben übertönten kurzzeitig die Kommandobefehle.

Unter Beschuss versuchten Otto und Hubert mit Hilfe von Willi ihr Geschütz zum Einsatz zu bringen, es blieb im tiefen Schnee stecken und wurde auch manövrierunfähig.

„So ein verdammter Mist. Ausgerechnet jetzt muss das passieren, wo wir dem Iwan mal so richtig zeigen wollen, wer die Hosen an hat.“ Vom hinteren Fahrzeug konnte Hubert, trotz Geschützlärm eine hämische Stimme vernehmen: „Rangieren lernen!“

„Los alle an die Gewehre“, schrie Hubert, „jetzt geht‘s ums nackte Überleben!“

Fluchend griffen sie zu den Waffen, um sich damit verteidigen zu können, wenn es zum Kampf Mann gegen Mann kommen sollte.

Kaum hatten die Kameraden begriffen, in welcher Gefahr sie sich befanden, als auch schon der gefürchtete Beschuss mit den so genannten „Stalinorgeln“ begann. Fast unerträglich waren die pfeifenden Geräusche der abgefeuerten Geschosse, von denen 16 Stück bei nur einer Salve den metallenen Schlund verließen, um das Ziel zu treffen.

Hubert riss Franzel, der vor Entsetzen wie gelähmt war, zu Boden und schrie in die Richtung, wo sich Willi und Otto befanden: „Schnell hinter die Fahrzeuge, oder wollt ihr zu Helden werden?“ Dort hatten sich schon mehrere Kameraden in Deckung gebracht, bäuchlings lagen sie im Schnee und hielten sich mit beiden Händen 75 die Ohren zu, um die gellenden Schreie der Getroffenen und den Kampflärm nicht zu hören.

Tote und Verletzte lagen blutüberströmt neben Lebenden, die machtlos dem Sterben zusehen mussten. Dicht aneinander gedrängt lagen auch Hubert, Franzel und die anderen im tiefen Schnee und warteten auf das Ende, mit einem Stoßgebet auf den Lippen.

Von einer Minute zur anderen hörte plötzlich der Beschuss auf. Die eingetretene Stille war unheimlich und tat fast weh. Nur das Wimmern der Verwundeten erhob sich wie ein Klagelied und nach geraumer Zeit vernahm man auch wieder die ersten Kommandostimmen. In geduckter Haltung rannten die Sanitäter und die unverletzten Soldaten, um zuerst die verletzten Kameraden aus der Beschusszone zu holen und ihnen erste Hilfe zu leisten, damit sie den Weitertransport zum Feldlazarett besser überstanden.

Auch Willi, Hubert und Otto, die Kräftigsten aus der Truppe, selbst noch benommen von Panik, Angst und Lärm, rappelten sich hoch und schleppten verletzte Kameraden bis zur Erschöpfung.

Die Kampfpause währte schon Stunden, als der Befehl kam, auch die toten Soldaten zu bergen und einen Spähtrupp in Richtung Frontlinie zu schicken. Jede Deckung nutzend, bargen die Soldaten ihre gefallenen Kameraden und hatten kaum Zeit, die empfundenen Gefühle zu zeigen, weil sie einen erneuten Angriff befürchteten.

Der Verlust der Soldaten und Geschütze unmittelbar an der vordersten Linie war noch ungewiss, und so stellte ein Zugführer innerhalb kürzester Zeit einen erneuten Spähtrupp zusammen, um die Situation zu begutachten und die dortigen Verletzten zu bergen. Für diesen gefähr76 lichen Auftrag suchte man fünf Soldaten aus, zu denen auch Otto und Hubert gehörten.

In weiße Tarnanzüge gekleidet, zog die todesmutige Truppe los. Von einer Deckung zur nächsten mussten sie oft eine größere Entfernung zurücklegen, das war eine ungeheure Herausforderung für die fünf, vor allem das ungute Gefühl, bei jeder ihrer Bewegungen von unsichtbaren Augen beobachtet zu werden. Wenn sie eine freie Fläche vor sich hatten, stockte ihnen der Atem, die Nerven waren bis zum Äußersten gespannt und die Beine taten automatisch ihren Dienst.

Die Gedanken an die Familie und ob es je ein Wiedersehen gab, wurden weit zurück gedrängt, jetzt ging es ums eigene Überleben.

Alles blieb jedoch ruhig, nur das Krächzen einiger Krähen war zu vernehmen, während ein Windstoß den Schnee aufwirbelte und den fünf Beobachtern ins Gesicht wehte. Hubert flüsterte in Ottos Richtung: „Gleich sind wir am Schützengraben, meine Augen tränen, ich kann fast nichts mehr sehen.“ Dicht neben sich hörte er die besorgte Stimme von Otto: „Du wirst doch nicht etwa schneeblind sein?“ Diese unangenehme Augenkrankheit hatte mehrere der Soldaten erwischt. Ursache waren die weiten, schneebedeckten Flächen, die die ungeschützten Augen verblendeten, vor allem wenn die Sonne schien.

Ein paar hundert Meter kriechend und robbend, erreichten sie endlich den Platz, wo vor Stunden der Angriff begann. Ein grauenvolles Bild bot sich ihnen.

Zwar lagen auf dem bisher zurückgelegten Weg auch Tote und verlorene Gegenstände, aber hier, im Zentrum der Kampfzone, sah es entsetzlich aus. An den Geschützen zusammengesunken, vom Feind getroffen, oder an den Gräben, von Panzern überrollt, lagen die zusammen 77 gekrümmten Körper mit zerrissenen Leibern, zerfetzten Gliedern und weit offen stehenden Mündern, von ihrem letzten, entsetzlichen Todesschrei.

Bis zu diesem Ort hatten es die Bergungsmannschaften nicht gewagt, vorzudringen. Die Späher fanden keine Verwundeten oder Überlebenden, diese waren sicher alle in Gefangenschaft geraten.

Hubert erkannte mit dem unscharfen Blick der entzündeten Augen rechts neben sich einen Stahlhelm im Schnee und dachte: Welcher Kamerad hatte den wohl getragen, und lebte er noch? Etwas weiter vorn, Otto zeigte in diese Richtung, stand ein ausgebranntes Fahrzeug und in einiger Entfernung ein zweites, das noch an einigen Stellen glimmte. Mehrere zerstörte Geschütze hatten die Angreifer zurückgelassen, die Intakten waren jedoch zur Kriegsbeute geworden.

Auf der zuvor weißen Schneedecke fanden sich nur noch Spuren der Verwüstung. Die schweren Soldatenstiefel, Brandflecken und die Granateinschläge hatten eine geschundene Landschaft hinterlassen.

Jedoch am wenigsten zu ertragen waren für Hubert und die anderen vom Spähtrupp die zerfetzten, verkohlten Uniformen und verstreute Leichenteile, bei deren Anblick sich zwei der Kameraden übergeben mussten.

Noch mit diesen grauenvollen Bildern vor Augen, kehrte der Trupp zur Berichterstattung zum provisorisch errichteten Stützpunkt zurück.

Hubert wurde von Otto so gut es ging geführt, weil sich seine Sicht verschlechtert hatte, und einem der vorbeieilenden Sanitäter übergeben.

Die Russen versuchten keinen neuen Angriff, sie waren sich wahrscheinlich ziemlich sicher, der deutschen Wehrmacht mal wieder eine Lektion erteilt zu haben.

Teil II: Aus der Heimat in die Ferne

Inzwischen befand sie sich in der Nähe von Dresden und wählte diese Stadt als vorübergehendes Ziel. Noch eine Nacht in der Scheune verbringen, die schon am Horizont auftauchte und am nächsten Tag wollte sie dann losziehen. Hoffentlich hielt Inge durch. Seit zwei Tagen machte sich Friedel Sorgen um sie. War es das wenige Essen oder die Kälte, schlapp und lustlos lief Inge neben dem Kinderwagen, hielt sich oft an der Wagenstange fest oder wollte eine längere Pause. Kurzerhand setzte Friedel sie vorn auf den Wagen und schob, schweißüberströmt nach dem anstrengenden Marsch, die schwere Fuhre in die Scheune. Es wurde schon dunkel und erschöpft, ohne was zu essen, fielen beide auf ihr Strohlager. Dicht aneinander geschmiegt, in ihre Mäntel gehüllt, die Pferdedecke um sich gewickelt, schliefen sie ein. War es Karlis Husten oder ein anderes Geräusch, Friedel wurde wach und horchte. Als sie schlief, waren noch andere Flüchtlinge gekommen und suchten Schutz in der Scheune, aber an solche Geräusche hatte sie sich gewöhnt, die störten sie nicht. Karli schlief auch fest und Inge lag ruhig atmend an ihrer Seite. Es war zwar dunkel, aber durch die Ritzen der Scheune schien der Mond, deshalb ließen sich deutliche Umrisse erkennen. In einem geringen Abstand, nur ein paar Meter von ihr entfernt, saß eine Gestalt.

Erst nachdem sich Friedels Augen an das schummerige Dunkel gewöhnt hatten, nahm sie eine Frau wahr, die leise vor sich hin weinte. Ab und zu wurde das Weinen von schweren rasselnden Atemzügen unterbrochen. Einen Augenblick lang überlegte Friedel wie sie sich verhalten sollte, schlafend stellen oder Hilfe anbieten. Sie ent169 schied sich für Letzteres, als die Frau einen Hustenanfall bekam und nach Luft rang. Leise erhob sie sich und stützte die zitternde Frau, die etwa ihr Alter hatte. Während ihrer Hilfeleistung stellte sie fest, wie dünn und unterernährt die Frau war. Sie hatte sicher Fieber. Ihre Hände, die sie dankbar umklammerten, waren ganz heiß, obwohl sie keine Decke bei sich hatte und ihr Körper ziemlich dürftig bekleidet war.

Friedel wurde das Gefühl nicht los, dass ihr die Frau etwas mitteilen wollte. Behutsam legte sie den Arm um die zerbrechliche Gestalt und nickte ihr aufmunternd zu.

Mit kraftloser, leiser Stimme berichtete sie von ihrer Heimat, einem Dorf in der Nähe von Liegnitz. Die Mehrzahl der Einwohner flüchtete, als die Front immer näher rückte. Sie selbst brachte es nicht fertig, ihre sterbenskranke Mutter allein zu lassen. Zwei Tage nachdem die Dorfbewohner den Ort verlassen hatten, starb jedoch ihre Mutter. Mit Hilfe eines Nachbarn, der seinen Hof nicht aufgeben wollte und im Dorf geblieben war, begrub sie die geliebte Mutter auf dem örtlichen Friedhof.

Bei dem gefrorenen Boden ein mühseliges Unterfangen. Allein und hilflos blieb sie mit ihrem zweijährigen Sohn im Haus. Am darauf folgenden Tag rollten die ersten feindlichen Panzer durch den Ort und sie schaffte es gerade noch in eine alte verfallene Mühle abseits des Dorfes zu fliehen. Dort versteckte sie sich mit ihrem Kind und konnte in der Nacht entkommen. Auch sie berichtete von den teilweise bestialischen Taten der feindlichen Soldaten. Bei ihrem plötzlichen Aufbruch hatte sie nichts mitnehmen können, nur eine Decke die sie um ihr Kind wickelte, um es warm zu halten. Sie trug es in ihren Armen bei Schneesturm, Kälte, Tag und Nacht. Es war zu klein, um längere Strecken zurück zu legen.

Vor Hunger und Erschöpfung musste sie immer öfter eine Ruhepause einlegen, manchmal konnte sie sich auch einem Treck anschließen und das Kind auf einen der Wagen setzen. Doch die Trennung von seiner Mutter verstand der Kleine nicht, er weinte und schrie, bis sie ihn wieder herunter nahm. Das wenige Essen und die täglichen Strapazen schwächten den Jungen so sehr, dass er in der nächsten Zeit nur noch apathisch in ihren Armen lag. Auch sie war am Ende ihrer Kräfte, schleppte sich unter großer Anstrengung in die Scheune. Hier sank sie, ihr Kind fest an sich gedrückt, bewusstlos ins Stroh.

An dieser Stelle unterbrach die Frau den Bericht, erneut von quälendem Husten gepeinigt, dem ein Weinanfall folgte.

Still verharrte Friedel neben ihr, bis die Leidende wieder sprechen konnte und den Bericht fortsetzte.

Die Frau erinnerte sich, dass sie aus ihrer Ohnmacht erwachte, weil jemand an ihrer Schulter rüttelte. Einige Leute die auch in der Scheune übernachten wollten, standen um sie herum und sahen bedrückt aus. Was sie noch nicht ahnte, wussten die anderen schon. Der Sohn, alles was ihr noch geblieben war, lag starr und leblos neben ihr im Stroh. Sie hob den kleinen Körper hoch, drückte ihn an ihre Brust und wünschte sich nichts sehnlicher, als auch zu sterben. Der Schmerz über den Verlust war so groß, dass sie weder weinen noch schreien konnte. Die ganze Nacht sowie den langen nächsten Tag hielt sie den Kleinen in ihren Armen. Nur mit viel Geduld und Verständnis schafften es einige Leute die Frau zu überzeugen, dass ihr totes Kind nicht in der Scheune bleiben konnte. Doch bei dem starken Frost war eine Bestattung unmöglich, die Erde war tief gefroren und hart wie Stein. So legte man den kleinen Körper, umwickelt mit der 171 Decke, in eine Vertiefung im Straßengraben und bedeckte ihn so gut es ging mit Schnee. Stundenlang saß die Mutter neben dem Schneehügel bis man sie, fast mit Gewalt, wieder in die Scheune brachte. Sie aß und trank nichts, fiel in tiefe Trauer und Aussichtslosigkeit.

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