Merseburger Zaubergeschichten

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Merseburger Zaubergeschichten

Anthologie anlässlich des 180-jährigen Jubiläums der Wiederentdeckung der Merseburger Zaubersprüche

 

Autoren: Anke Elsner, Hans-Dieter Weber, Birgit Gerlach, Daniela John, Ingrid Hermann, Dr. Simon Karcher, Christoph Penneke, Christina Lind, Frederike Brendler, Gudrun Beuster, Helena John, Karin Dell, Karla Voigt, Kristina Langner-Kliche, Lara Trabitz, Lisa Viktoria Kantimm, Liselotte Hoffmann, Lutz Brückner, Miriam Stephanie Reese, Nele Eberhardt, Reinhardt O. Hahn, Sarah S. Rudloff, Thekla Batereau, Tina Kaltofen

Leseturm. Literaturkreis Merseburg

252 Seiten. ISBN 9783943519532

 

Die Geschichten und Gedichte in der vorliegenden Anthologie „Merseburger Zaubergeschichten“ sind im Ergebnis eines Schreibwettbewerbs entstanden, zu dem die Merseburger Autorengruppe „Leseturm“ aufgerufen hatte. Anlass war das 180-jährige Jubiläum des Wiederauffindens der „Merseburger Zaubersprüche“ in der Bibliothek des Domkapitels zu Merseburg von dem Historiker Georg Waitz. Die zwei Zauberformeln gehören neben dem „Hildebrandslied“ zu den wenigen auf Althochdeutsch überlieferten Texten mit Bezug auf die vorchristliche germanische Mythologie und sind damit ein herausragendes Denkmal deutscher Literaturgeschichte. Aber auch in der alten mitteldeutschen Stadt Merseburg selbst gibt es zahlreiche „zauberhafte Orte“, welche die Autoren dieser Anthologie für den interessierten Leser „wiederentdeckt“ haben. Lassen Sie sich verzaubern von den „Merseburger Zaubergeschichten“.

 

Leseprobe

Ein kostbarer Fund

Dr. Simon Karcher

Die Post von Naumburg hatte drei Stunden Verspätung. Es war ein kalter, regnerischer Novembertag, und die Landstraßen waren in schlechtem Zustand. Georg Waitz saß auf dem Rücksitz des Coupés und hatte sich schon seit Stunden in die Chroniken Lamperts von Hersfeld vertieft, was bei der rasch hereinbrechenden Dunkelheit und dem schwachen Schein der Laterne im Wagen eine die Augen strapazierende Angelegenheit war. Außer ihm war nur ein weiterer Reisender in der Kutsche, der aber mit Einbruch der Dämmerung in Schlaf gefallen war. Nach der Abfahrt in Naumburg hatten sie sich zunächst einige Zeit unterhalten, aber Waitz hatte sein Gegenüber bald darum gebeten, sich die weitere Fahrt über seinen Studien widmen zu dürfen. Sein Mitreisender war ein Weinhändler aus Halle namens Gieser, der geschäftlich mit Naumburger Winzern zu tun hatte, und die Anforderungen und Schwierigkeiten im Weinbau und -handel waren zwar auch eine ernstzunehmende Angelegenheit, aber dennoch nicht das Thema, dem die Aufmerksamkeit des Geschichtsforschers Georg Waitz derzeit in erster Linie galt.

Von Naumburg aus hatte die Post die direkte Route zu ihrem Zielort eingeschlagen, sie folgte also nicht dem Lauf der Saale talabwärts Richtung Weißenfels, sondern hatte nach Ausfahrt aus der Stadt die Anhöhe erklommen, um der Landstraße in nördlicher Richtung zu folgen. Bei Beginn der Dämmerung kämpfte sich der Wagen über die vom Regen streckenweise in Schlamm aufgelöste Straße, die durch ein waldloses, einsames Flachland führte, in dem nur selten kleine Dörfer oder Gehöfte zwischen Feldern sichtbar gewesen waren, bis die Dunkelheit sich über alles senkte.

Es war im Spätherbst des Jahres 1841. Der Historiker Georg Waitz war auf dem Weg zur hoffentlich letzten Station einer Forschungsreise, die ihn seit nun fast drei Monaten in zahlreiche große und kleine Städte in Thüringen und Sachsen geführt hatte. Die Reise diente der Vorberei-tung eines gewaltigen wissenschaftlichen Projekts: Waitz suchte in Bibliotheken und Archiven nach allem, was er an schriftlichen Zeugnissen und Dokumenten zur Geschichte des deutschen Reiches im Mittelalter auffinden konnte. Diese sollten in den „Monumenta Germaniae Historica“ veröffentlicht werden, einer großangelegten Sammlung deutscher Geschichtsquellen aus dem Mittelalter, an der Waitz seit einigen Jahren zusammen mit anderen Historikern arbeitete. Inzwischen hatte er fast alles beisammen, wonach er während der jetzigen Reise recherchiert hatte; einen Text jedoch hatte er an allen bisher aufgesuchten Horten alter Gelehrsamkeit vergeblich gesucht: eine Handschrift des mittelalterlichen Geschichtsschreibers Lampert von Hersfeld mit einer für das Mittelalter sehr außergewöhnlichen lateinischen Dichtung in Hexametern über die Geschichte des Klosters Hersfeld. Einen letzten Ort wollte er nun noch besuchen, in der Hoffnung, dort vielleicht das vermisste Dokument zu finden: die Domstiftsbibliothek zu Merseburg an der Saale. Würde er dort nicht fündig werden, so müsste er für diesmal die Suche abbrechen und nach Hannover zurückkehren, wo vielfache Amtsgeschäfte auf ihn warteten.

Gegen halb neun Uhr abends erreichte die Postkutsche endlich die ersten Häuser der alten Domstadt Merseburg, die im frühen Mittelalter einmal so bedeutend gewesen war als Ausgangspunkt der Kolonisierung der slawischen Gebiete östlich der Saale, nun jedoch seit langer Zeit in einer Art Dornröschenschlaf im Schatten ihrer größeren Nachbarinnen Halle und Leipzig lag. Das Peitschen-knallen und Rufen des Kutschers weckte die beiden Reisenden; auch Waitz war während der letzten Fahrtstunde ein wenig im Dämmerlicht des Coupés eingenickt. Es regnete immer noch, als der Wagen durch das Sixtitor, das südliche Stadttor Merseburgs, in die verwinkelten Straßen der Stadt am westlichen Saaleufer einfuhr, deren Antlitz sich seit den Tagen der Errichtung des Domes nicht wesentlich verändert hatte.

Die Post hielt auf dem Marktplatz, neben dem alten Marktbrunnen mit seinem eigentümlichen Kuppelaufsatz. Die beiden müden Reisenden mussten sich aufraffen, um sich mit all ihrem Gepäck in den unwirtlichen Novemberabend hinauszubegeben. Als sie alles beisammenhatten, verabschiedeten sie sich von ihrem Kutscher, der ihnen eine angenehme Nachtruhe wünschte. Dann machten sie sich zu Fuß auf den Weg zu Ritters Weinstube, ihrer Herberge für die Nacht, die zum Glück nicht weit vom Marktplatz entfernt lag. Für Waitz war dies der geplante Aufenthaltsort für seine Recherchen in Merseburg, der Weinhändler Gieser jedoch hatte natürlich vorgehabt, am Ende dieses Tages zuhause in Halle zu sein; aber wegen des schlechten Wetters und der starken Verspätung lehnte es der Kutscher ab, heute noch bis Halle durchzufahren. So war der Händler überraschend gezwungen, ebenfalls noch Quartier in der Domstadt zu nehmen, und entschied kurzerhand, sich Waitz anzuschließen und den Wirt von Ritters Weinstube um ein Nachtlager zu ersuchen.

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